Verantwortung


Es ist ein Kreuz mit der Verantwortung:

  • Sie ist eine notwendige Pflicht.
  • Sie geht über die reine Erfüllung der Aufgabe hinaus.
  • Sie fordert Rechenschaft
  • Sie ist unbequem.
  • Sie zeichnet uns aus.

Fast jeder von uns ist für irgendetwas verantwortlich. Sie ist kaum zu umgehen. Am Ende steht die Verantwortung für UNS. Wir sind für uns verantwortlich, sonst regelt das ein Vormund, der dann nicht nur für sich, sondern in den verschiedenen Belangen auch für uns Verantwortung auf sich nehmen Der Körper oder Geist sind bei dem Betreuten nicht in der Lage, die Last zu auf sich nehmen, die Last der Verantwortung.
Ein Sack, eine Belastung, ein Gewicht aus Zuständigkeiten. Verantwortung ist keine Wellnessoase, allerdings gehört sie zur Eigenverantwortung dazu.
Bei so viel Gewicht stellt sich die Frage nach den Grenzen der Belastung. Welche Verantwortung wiegt schwerer als die andere. Ist die Verantwortung für meine Familie wichtiger als die für mein Amt? (Anne Spiegel)

Bin ich noch immer für die Taten des Nazi-Deutschland haftbar, weil ich ein Enkel eines Nazioffiziers bin? Ist der New Yorker, der sich in dem Moment einen Coffee to Go an der 1515 York Ave bei Starbucks holt, für die Sklaverei haftbar, die vor zweihundert Jahren offiziell endete?
Ich denke, wenn die Handlungen, die vor mehreren Generationen ausgelöst, heut noch wirken, dann bin ich heute noch verantwortlich.

Wie schaut es mit der Zukunft von Verantwortung aus?

Je mehr wir wissen, umso größer ist unserer Verantwortung.
Wir haben Kenntnis vom Klimawandel, um die zerstörerische Wirkung von Atomstrahlung über viele Hundert Jahre. Wir wissen um die Veränderungen, die wir auf der Welt bewirken und erahne, wie wir unseren Planeten weiter geben. Nur zur Erinnerung, diese Welt ist die Basis, auf der zukünftiges Leben möglich sein soll, oder ist uns das egal, weil wir keine Rechenschaft darüber ablegen können, weil wir von niemanden einen direkten Auftrag, eine unmittelbare Verantwortung übertragen bekommen?
Im Alltag mit dem ersten Augenaufschlag geht es los: Wir bekommen Verantwortung durch Menschen übertragen. Bei den eigenen Kindern ist das eine unbedingte Verpflichtung, uns ist klar, was passiert, wenn wir sie nicht übernehmen. Die moderne Gesellschaft hat sich dem Thema gestellt und die Babyklappe als möglichen Ausweg ausgeschildert. Bei den meisten Verantwortlichkeiten bekommen wir die Last durch andere aufgeladen. Wir akzeptieren dass, weil diese Menschen entweder selbst viel Verantwortung auf sich nehmen und davon Teile abgeben, oder weil mein Gegenüber nicht in der Lage ist, die Last zu tragen. Die Gesellschaft würdigt diese Zusatzaufgabe mit Anerkennung, materiell oder ideell.
Dieses Prinzip funktioniert bei der Übernahme der Verantwortung für die Natur, die Welt unserer Erde nicht. Es gibt nicht die Instanz, die die Autorität besitzt, um uns die Verantwortung für den Planeten zu übertragen und Rechenschaft fordert. Diese grundlegende Verantwortung können wir nur gemeinsam übernehmen. Genau dass ist zu unspezifisch. Zur Erinnerung, wir wissen um die Folgen unseres Handels in der Zukunft, trotzdem: mein Haus, mein Pool, mein SUV! Hier wäre es Zeit, dass sich ein Gott zeigt, irgendeiner. Er könnte uns Verantwortung übertragen. Wir schaffen Institutionen, die groß und mächtig erscheinen. Wir sind aber nicht dumm und wissen, dahinter stecken auch nur Menschen und keine höhere Autorität.
Meist haben wir bei der Erfüllung von Verantwortung Angst vor der Rechenschaft und weniger die Einsicht in die Notwendigkeit und damit in die Freiheit der Entscheidung, die wieder zur Selbstverantwortung führt.
Vielleicht bedeutet unsere Entkoppelung von der Natur durch die Industrialisierung unseres Alltages zum Zerreißen der Kausalkette von Ursache und Wirkung. Wir sind häufig damit beschäftigt, dass der eine Arm den anderen vom Agieren abhält. Im Grunde revoltieren wir mit unserem Handeln gegen uns als Menschheit. Da das ein in die Zukunft gerichtetes Denken ist, bauen wir bis auf Weiteres auf ein Wunder, was uns die Verantwortung abnimmt und die Dinge regelt. Bis dahin verdrängen wir und hoffen auf das Siegtor in der Nachspielzeit.

Vielleicht ist bei all dem Zögern auch ein Stück Kapitulation dabei. In dieser sich sehr schnell drehenden Welt fällt es schwer, Verantwortung verantwortungsvoll zu übernehmen. Es ist bei vielen Vorgängen kaum noch möglich, die Auswirkungen von Entscheidungen in aller Konsequenzen zu durchblicken, wirklich zu planen und zu beurteilen.
Wir können kaum abschätzen, was für Folgen politische Entscheidungen haben werden. Sei es die Lieferung von schweren Waffen in Kriegsgebiete oder ein Neun-Euro-Ticket. Trotzdem ist Handeln notwendig. Wer will und kann diese Aufgaben und Entscheidungen verantwortlich übernehmen?
Ein Leben ohne Verantwortung klingt wie eine Lösung für den bequemen Menschen. Das ist nur möglich, wenn andere mir die Last abnehmen und zusätzlich tragen. Verantwortung abzulegen ist irgendwo zwischen Egoismus und Selbstschutz angesiedelt.
Es bleibt eine notwendige Last.

Dieser Text entstand nach einem Diskussionsabend des Philosophischen Salons in Landsberg im April 2022.


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