drei Konzerte – 1


Die drei Teile der „drei Konzerte“ sind nach den vielleicht dichtesten und ereignisreichsten acht Tagen entstanden, die ich erlebt habe. Nicht die Ereignisse sind so groß, dass sie alles übertreffen, ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Die Komprimierung von Gedanken und Überlegungen haben sich in den Tagen mit einer Explosion befreit, die ich so nicht kannte. Die „drei Konzerte“ sind ein Gedankenpalast, in dem ich versuche, die Erinnerungen zu bewahren. Die Konzerte sind nur Namensgeber. Ich habe alle drei in den acht Tagen allein, mit meiner Tochter oder Katrin, meiner Frau besucht. Sie sind Wegmarken im Gedankensturm. Einige Bilder in den Texten wirken vielleicht etwas unverständlich und übertrieben. Aber es ist ein Blick auf die Gedankensplitter (vielen Dank für dieses Wort) in meinem Kopf, wenn’s interessiert.

Teil1

Pet Shop Boys – Dreamworld am 19.5.2022

Ich stehe am Bahnhof, Gleis 1 an der Bahnsteigkante. Die Schuhspitzen tasten sich bis zu den Rillen, in denen Stöcke, die Augen ersetzen, sich verfangen. Es ist früh, simple Ordnung reicht für den Moment. Ich bin müde. Mein Kopf ist eine Pusteblume voll mit Gedanken. Nur ein Windstoß, und die Hälfte der leichten Flieger würde sich auf die umliegende Welt verteilen und im Meer der Pollen Schnupfen kriegen.
Ein Lautsprecher! Schallwellen, manchmal steckt Pappe dahinter, durchdringen gelochtes Metall und verbreiten sich über den Raum, den Bahnsteig. Die Stimme will Beachtung. Ein hallender Wortnebel dringt in meine Ohren. Hin und her geworfen zwischen den Wänden und Pfeiler, am Wellblechdach zerstoben, schraubt sich die Töne durch den Gehörgang, erregt das Innenohr. Eine Durchsage, Ansage, Achtung-Sage. Mein Gehirnarchivar, ein netter Begleiter, holt ein paar bekannte Karten aus den Schubladen hervor und präsentiert mir das Ergebnis: eine Durchfahrt! Damit kann meine Erfahrungsschatz etwas anfangen. Er steht an der Seitenlinie, malt schnell ein Bild und hält es hoch. Wo sonst die Rückennummern von Helden leuchten erscheint in loser Folge, was gleich passieren wird. Eine Instastory in schnell.

  • die Lok wird, wie ein Kolben in einer Luftpumpe durch den Bahnhof drücken
  • die kleinen Mäuse zwischen den Gleisen verkriechen sich unter dem Metall (nein, dass passiert am Bahnsteig einer Münchner U-Bahn, aber nicht hier, bei der Deutschen Bahn)
  • es wird laut und windig
  • ein Sog kann ziehen, zu sich hin, aufsaugen
  • Staub wirbelt auf
  • die Luft schmeckt nach Metall
  • Menschen, deren Seelen sich irgendwo hinter dem Express abhetzen, um ihren Wirt nicht ganz zu verlieren, fliegen als Hüllen vorbei.
  • die leere Waffeltüre, die direkt vor mir auf den groben Steinen liegt, wird es nur fünf Meter nach links geschafft haben, trotz des ganzen Wirbels um sie herum.

Also gut, das alles kann passieren, eine Durchfahrt halt.
Vor mir beginnen die Gleise zu schwingen, sanft, unsichtbar, mit einem Fragezeichen. Die Wellen werden dichter, lauter. Obertöne schleichen sich ein. Das Metallband beginnt zu vibrieren und die Nerven in den Ohren beißen die Zähne zusammen. Sie sind nicht so arrogant wie Fingerkuppen. Die rubbeln drauf los an der Reibe und denken noch, kurz bevor sie blutig aufgerissen werden, das sie alles im Griff haben. Die Ohren, schlauer, wissen, dass es gleich heftig kommen kann.
Ob es der Archivar im Kopf, oder die Erfahrung war, weiß ich nicht mehr. Einer der beiden hielt ein Schild hoch, hinter mein Auge. Von hinten, rückwärts lesend baute dann meine Intuition folgende gut gemeinte Warnung zusammen: Vorsicht an der Bahnsteigkante! Danke, bedanke ich mich bei mir. „Es empfiehlt sich, den Ast zu streicheln, auf dem man sitzt.“ , denke ich so beim mir.
Die beiden Metallstränge im Gleisbett vor mir spannen und strecken sich der nahenden Gewalt entgegen. Sehe ich da im trüben Morgenlicht samtene Tröpfchen auf dem Stahl? „Eine gelbe Blume von nebenan wäre besser. Hier werdet ihr gleich auseinander gerissen, in tausend Atome gewalzt!“ … Sie glänzen ahnungslos, naiv den Schein des geschmiedeten Metalls wieder. „Das Wasser ist schon immer da, es kann nicht weg, es ist nur an einem anderen Ort auf dieser Welt“, sagt der kleine Gedankenarchivar in mir. Vielleicht wissen das die kleinen Perlen auf den Schienen, verstehen meine Sorge nicht. Ich lächle sie an und gebe einen Punkt im endlosen Wettkampf des Seins an die flüssigen Kristalle. Den Luxus des ewigen Lebens habe ich nicht! Und wenn, was wird aus mir, wenn ich mich platt walzen, drücken und verformen lasse? Irgendwas wie „Dieses“ vielleicht. Nichts für ungut, ich passe auf meine Hülle auf. Gute Reise!
Ich wende den Kopf leicht nach rechts. Nur so viel, dass im Anschlag des Augenwinkels eine dunkle Luftpumpe zu erahnen ist. Es geht also los. Ich schaue wieder auf die Gleise vor mir. Die Schienen scheinen zu schwitzen, sie bäumen sich ihrem Zweck entgegen und zittern vor der ersten Berührung, dem ersten Stahlreifen, der sie in das Schotterbett drückt. Danach werden sie sich mit fraglicher Lust erheben und es kaum erwarten können, bis das nächste Reifenpaar den Schienenstrang das Steinbett küssen lässt. „Wisst ihr, wie lang so ein Zug sein kann, wie viele Räder?“, frag ich die Gequälten unter mir. Die Kolbenlok schiebt sich näher, den Bahnsteig entlang. Ein letzter Blick auf das strahlende Band. Ich sehe keine Angst, nur Freude und Glanz. Sie sind bei sich, die Schienen, wenn die Räder sie niederwalzen. „Ja gut“, denk ich,“ jeder, wie er es mag.“
Mein Blick bleibt an meinen Schuhspitzen, an der Kante hängen. Es hat sich nichts bewegt. Die Welt hat mich nicht unbemerkt über die Rillen geschoben. Mein Blick geht nach links, kurz bevor der Zug mich erreicht.
Auf dem Bahnsteig bin ich allein. Unter mir, neben mir und hinter mir der schwarzgraue Teppich des Bahnsteiges. Auch dort, wo die Waggongs der ersten Klasse halten, hat er eine Abstufung von Grau, nicht Rot. Der Kunde ist König und so… Das hat sicher kein Philosoph oder Philosophin erdacht. Ein Kaufmann vielleicht, der den einfachen Leitsatz des Systems verstanden hat. Der Philosoph und auch die Philosophin hätten bemerkt, dass ein Volk von lauter Königen nichts anderes ist als Untertan.
Über mir wellt sich das Dach aus Blech. Es findet diese gezwungenen Kurven schick. Die Träger weiter hinten sind bestückt mit spitzen Drähten. Kein Vogel soll auf die Idee kommen sich zu setzen. Wo die Schiene singt, da lass dich nieder. Denkste! Die Bahn hat keine Lieder! Bin ich hier in einem SM Kabinett? Überall Metall und Ächzen. Ich will doch nur mit dem Zug fahren. Ankommen an dem aufgedruckten Ziel. Beim Warten schon Horror gepaart mit Aktionismus. Ein gelbes Gitter am Boden leer, hält den Raucher gefangen. Das funktioniert, das kann man erklären, das kann man beachten. Aber: Dieser Qualm! Was für ein Ausdruck an Protest! Ständig im Wandel, auf der Flucht. Sich verteilend, grenzenlos, Revolution. Na wenigsten die Menschen bleiben im Käfig aus aufgemalter Farbe. Was ist noch mal der Sinn von Raucherinseln? Beine drängen sich auf ihr, als ob rings um vermintes Gelände wär.
Eigentlich kann ich mich auch gleich vor den Zug werfen.
Ich scheine hier falsch.
Vielleicht morgen. Ich warte schon eine Weile und das spricht dagegen! Die Fahrkarte kann ich nicht stornieren, jetzt, kurz vor Abfahrt des Zuges. Am Tag vor Fahrtantritt lässt die Bahn noch mit sich reden. Danach musst du fahren! Klever von der Bahn! Wäre die Rückgabe spontan möglich, würden ständig Notfallsanitäter im Gleiskörper arbeiten, besser, sie würden sammeln. Ist er aufmerksam, kann das nach drei, vier Zerstückelungen im Bahnhof auch der Bahnsteigwärter übernehmen, als Qualifikationsmaßnahme mit Höherstufung des Gehalts. Allerdings ohne Anrechnung auf das Weihnachtsgeld, dass würde die konservative Opposition aus emotionalen Gründen verhindern.
Aber jetzt, der Fahrtwind langt mir eine Ohrfeige und ich stecke sie ein, bei so viel Blödsinn! Ich schaue ihr offen auf die Seite, Lüftungsschlitze pusten den erschöpften Atem aus dem Motor mir ins Gesicht.
Moment. Halt! Hallo! Stopp! Ruf ich ganz laut. Da erschrickt die Zeit und verharrt. Alles ruhig Der Qualm, starr. Die Räder still, die Vögel, waren sowieso nicht da. Ruhe! Denkste! Was tönt aus den bahneigenen Lautsprechern? Gebaut für exakte Sprachwiedergabe klingt es nach Melodie. Aha, Musik, vielleicht. Wer hat denn da „Go West“ aufgelegt? Wenn, dann fahre ich nach Osten. Was soll also… „Der Sound passend zur rhythmischen Erniedrigung der Gleise.“, denken meine plappernden Gedanken. Ich kenne sie, die Melodie. Die Pet Shop Boys! Mitten in der Provinz auf einem Bahnsteig, in dem gerade die Zeit die Luft anhält. Alter, das ist peinlich! Du kannst nicht wegen der beiden Synthiepop – Jungs die Zeit festhalten. Das mag sie nicht so gern. Wenn es wenigsten Prince oder Karel Gott gewesen wäre, aber die Pet Shop Boys!? Mit einem entschuldigenden Blick lass ich los und die Zeit saust weiter, gefolgt von der Vergangenheit. Der Triebwagen schiebt sich vorbei. Die Musik spielt weiter, weiter. „Da hat irgendein verbliebener Mensch im Bahnhof sein Handy mit der falschen Anlage gekoppelt.“, denk ich mir und find es nett. Das Gruselkabinett von Bahnsteig wird heller, dadurch. Warum machen Fehler das Leben menschlicher? Sind Menschen fehlerhaft, als Krone der Schöpfung? Das ist mehr so Religion und BWL, anderer Bahnhof.
Die Lok hat sich vorbei gestöhnt. Die Waggongs schieben sich durch mein Gehirn, einer nach dem anderen, dem anderen, anderen, deren, en.

Handschrift auf Papier

drei Konzerte – 2


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