drei Konzerte – 2


Die drei Teile der „drei Konzerte“ sind nach den vielleicht dichtesten und ereignisreichsten acht Tagen entstanden, die ich erlebt habe. Nicht die Ereignisse sind so groß, dass sie alles übertreffen, ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Die Komprimierung von Gedanken und Überlegungen haben sich in den Tagen mit einer Explosion befreit, die ich so nicht kannte. Die „drei Konzerte“ sind ein Gedankenpalast, in dem ich versuche, die Erinnerungen zu bewahren. Die Konzerte sind nur Namensgeber. Ich habe alle drei in den acht Tagen allein, mit meiner Tochter oder Katrin, meiner Frau besucht. Sie sind Wegmarken im Gedankensturm. Einige Bilder in den Texten wirken vielleicht etwas unverständlich und übertrieben. Aber es ist ein Blick auf die Gedankensplitter (vielen Dank für dieses Wort) in meinem Kopf, wenn’s interessiert.

Teil 2

Felix Lobrecht – All you can eat Tour

Langsam schieben sich die Waggons ins Bild, von rechts nach links, langsam, zu langsam für eine Durchfahrt. Der Zug will nicht zum stehen kommen, er rollt gemächlich, gleichmäßig über die pumpenden Gleise. Wieso so langsam, was sind das für Wagen? Ja, dämmert es mir, es ist ein Nachtzug. Im Tageslicht ist ein Nachtzug ungewöhnlich. Der Name sagt es schon, sie gehören zu der Gattung der nachtaktiven Züge. Dieser hier hat Verspätung, oder die Zeit hat verschlafen. Das würde auch erklären, warum sie vorhin sie mürrisch war, als ich sie am Rockzipfel hielt. Die Waggongs rollen langsam von rechts nach links durch mein Sichtfeld, wie Zahnseide für die Gedanken am Morgen. Die Wagen sind aus mattem Metall und großen, dunklen Scheiben. Ich sehe mich als Schatten auf dem Bahnsteig stehen. Ein wackelndes Spiegelbild.
Mein kleiner Archivar erstellt ein Dossier von Zügen in der Nacht aus den Ablagen der Vergangenheit. Da gab es einen Liegewagen zur Abifahrt nach Leningrad (was für ein pädagogischer Leichtsinn), Schlafwagen an die Ostsee und ein gestrandeter Nachtzug von Amsterdam. Bilder schiebt er nach: Die Pappschachteln mit unglaublich weißem Sandwiches. Die unausgesprochene Rücksicht im Abteil, wenn sich die müden Körper in den Tag organisieren. Ein trüber Blick nach draußen: „Wo sind wir denn eigentlich?“ Und der Entschluss, dass ein Apfel zu essen, denselben Effekt hat, als die Zahnbürste zu benutzen. Bilder erscheinen so schnell, wie ein Rasensprenger den neugierigen Hund erwischt. Hinter den Scheiben kann ich dunkle Hüllen von Menschen erkennen. Ich wische durch sie hindurch, wie ein Geist, den nur kleine Wesen vor dem Eintritt in die Institutionen bemerken. Mein Spiegelbild steht, die Hüllen ziehen langsam vorbei. Hinter mir erkenne ich in der spiegelnden Welt eine Reklametafel. Erst jetzt bemerke ich ihr buntes Plappern neben mir. Da stehen wir nebeneinander, die bedarfsbegründende Quasselstrippe und ich. Wir spiegel uns in dunklen Scheiben des Nachtzugs, der langsam über die Gleise rollt, kein Tröpfchen auslassend.
Der erste Waggong ist vorbei, eine kleine Lücke in der Leinwand. Den Moment füllt der bahneigenen Lautsprecher. Die Musik ist anders, keine Melodie mehr, nur Töne, Sprache tönt. Die Stimme erkenne, ich, es fällt mir schwer, das nahe liegende zu fassen, aber ja, es ist Felix Lobrecht. Mit meiner Tochter war ich da, sie wollte, ich war neugierig. Ein Comedian zwischen den Gleiswechsel-, Verspätungs- und Warnansagen. In dem Moment ist er die passende Ecke im Dreieck zwischen Spiegelwelt und Reklametafel.
Ich mitten drin.
Die Botschaften des bunten Kastens plappern an mir vorbei und fangen sich im Glas. Unscharf und verschwommen formen sich zaghaft Bilder. Eine große grüne Wiese, aus der gelbe Pusteblumen wachsen. Bevor sie Pusteblumen heißen, sind sie Löwenzähne. Ändern Blumen ihre Namen, wenn sie ihr Aussehen ändern? Egal, jedenfalls sind die gelben Tupfer auf dem frischen Grün reichlich verstreut. Der Blick der Kamera ist ganz flach über dem Boden, die neugierigen Halme strecken sich der Sonne entgegen und lächeln dabei. Da, in dem Moment drück sich eine Nase an die dunkle Scheibe, von innen. Ein kleiner Mensch, dem Abdruck nach, ungeduldig auf den Tag draußen wartend. Sie taucht mitten im Grün auf und wischt schon wieder weiter. Ich steh allein im Flurstück auf dem Spiegelrund. Die Kamera schwenkt den Blick auf die Straße. Am Horizont erscheinen die vier Buchstaben eines Automobilklubs in den gelben Farben der Pusteblumen, die noch keine sind. Der Archivar in meinem Kopf hält wahllos ein paar passende Sprüche der Mobilitätsversicherung hoch: „Es ist gut, einen Engel zu kennen, mit uns kommen sie sicher ans Ziel.“ So in der Art sind die wahllosen Splitter. Irgendwelche Gedankenschnipsel, die ich an roten Ampeln aufgeschnappt habe.
„Hey, du da drin.“spreche ich den kleinen Archivar in mir an, „Das ist keine Kunst, das kann weg!“
Ich habe den dunklen Verdacht, dass der kleine, eifrige Mann sein Eigenleben führt. Ich klebe auf eine Erinnerung einen roten Punkt, was für ihn so viel heißt wie: Vergessen! Was macht er? Er nimmt den Gedanken, die Erinnerung und schiebt es irgendwo in die hinteren Winkel dieser ganzen Windungen. So tief versteckt, dass es nur durch lautes Rasseln am steinernden Rand aus den dunklen Brunnen unserer Vergangenheit nach oben steigt und selbst durch Gandalf kaum aufzuhalten ist. Fragte ich ihn, was das soll, er würde antworten:
„Vergesse ich, dann stehst du ganz schön dumm da, wenn du doch was brauchst, von früher. Du stehst da und zuckst mit den Schultern: „Ich habs vergessen, wie soll ich mich dran erinnern?“.
„Trotzdem“ protestiere ich,
„Diese Menschen mit ihren Verträgen, die fehlendes Vertrauen ersetzen sollen. Mehr Vertrauen wagen heißt weniger Bäume fällen (für das Papier, auf dem die Zweifel geregelt werden). Das ist gut für die Umwelt. Das kann weg!“.
Der kleine Kerl lässt nicht mit sich reden, er kennt mich und will mir nur helfen. Ich lasse ihn machen.
Vor mir wieder eine Lücke zwischen den Waggons. Blackout bis zur nächsten Scheibe, da ist sie. Das bunte Megafon hinter mir schreit irgendwas mit Büchern in die Luft. Buchrücken, die sauber gestapelt nach oben streben.
„Ein Verlag hat den Slot gebucht.“, sagt der Archivar in mir.
Recht hat er, sauberer, strahlende Hardcover, die zu lächeln scheinen und sich jungfräulich anbieten. „Sei der Erste, der meine Seiten berührt, der mich liest.“ Hauchen sie durch das Stampfen der Räder auf den schmalen Gleisen zu mir. In meinem Leben sind Bücher manchmal mit Kaffee befleckt, der natürlich in mich sollte, so wie die Bücher auch. Da kann es schon mal zu einer Drängelei am Eingang kommen. Jedenfalls gibt es keine Bücherregale mit geordneten Buchrücken in meinem Leben.
Felix Lobrecht, der die ganze Zeit aus den Lautsprechern tönt, erzählt jetzt was von Stress, Hitler und Zwei-Fronten-Krieg. Ich erinnere mich, das war harter Tobak, den er aber gut geraucht hat, um im Bild zu bleibe. Also weiter mit den Augen.
Ich erahne Frühstück hinter den dunklen Scheiben. Krümel, die auf den himmelblauen Bezug fallen, nebenbei auf den Boden gewischt. Kaffee aus Pappe, der so köstlich schmeckt, weil er das Innere wärmt. Die Liege wird für einen Moment zum Heim, befriedet mit der schüttelnden Nacht. Die Werbung hinter mir wird egoistisch, Eigenwerbung der Bahn. Toller Service, freundliche Gesichter, jedenfalls in dem Bild. Der Fahrgast im Fokus aller Bemühungen.
Mein Archivar entschlüsselt die schnellen Bilder in der Spiegelwand als Regenschirm, Schließfach, Fundbüro. Ja, manchmal steckt ein ganzen Leben in so einem Blechquader mit Münzschlitz und Schlüsselloch. Eine Nummer zum merken, namenlose Reihen in Blaugrau. Ja, manchmal ein ganzes Leben… ,aber was kann das Fundbüro damit anfangen? Macht man die Tasche auf, sieht man nur einen Haufen durchlebter Urlaubswäsche. Das Geheimnis offenbart sich nur dem einen, für andere ist es ein Schnapper bei der Versteigerung.
Mein Blickfeld erahnt Licht am Ende des Tunnels, die letzten Wagen rollen an mir vorbei. Der Tag wartet hinter dem Zug, die Nacht hatte ihre Durchfahrt. Ich schaue in den Spiegel, sehe nur mich und keine Werbung mehr. Als ob die bunte Tafel auf den Zug gewartet hätte, um loszulegen!
„Menschen, Menschen, endlich Menschen, die mich sehen!“ Denkt sich diese Quasselstrippe und ist ganz aufgeregt in ihren Ecken. Jetzt sieht sie, wie ich, die letzten Fenster und wird grau. In den verbleibenden Scheibensplitterbildern seh ich dich, hinter mir, neben mir. Du schaust den Spiegel an, wie ich.
Wer schleicht sich da in meinen Morgen? Ich drehe mich um und sehe – Rotkäppchen. Du hast eine dunkelblaue Uniform an, eine Ledertasche mit Bahnhofsdingen an der Seite hängen. InEars in den Ears (ahha!) und schaust mich entrückt an, irgendwie. Deine Haare sind kurz und unsymmetrisch, ein Protest? In deiner Hand wippt gleichmäßig das Handy im Rhythmus der sich entfernenden Räder. Ah, du bist also der Bahnstei-DJ! Dein Kopf leicht schräg, dein schmaler Mund ein Hauch von Lächeln. Herausfordernd und interessiert schaust du mich an, durch mich hindurch. Dein Blick umrahmt von dunklen Ringen, deren Herkunft „Krieg und Frieden“ in den Schatten stellt und schon im ersten Moment Fragen stellt.
Schon meldet sich mein kleiner Archivar, der vieles schneller begreift, als ich. Er hat eine Karte in der Hand, auf der steht:
„Du traust dich nicht!“
Er dreht die Karte, auf der Rückseite lese ich: „Sag irgendwas, egal was!“ Er flüstert zu sich und ich erkenne sein Wort wohl an der Abfolge der Lippen:
„Trottelgesicht!“.
Ok, denk ich, er meint es ernst.
„Äh“ bringe ich hervor.
„Das ist ja ein super Anfang!“, klatscht es ironisch in meinem Hirn.
„Wissen sie, wann…“ wage ich mich weiter an dich gewandt, und kam nicht weiter.
Dein Blick wird hell und klar und aus deinem Mund bricht eine Welle hervor, die mich hoffen lässt, dass meine Schuhe in der Zwischenzeit mit dem grauen Boden verschmolzen sind, damit es mich nicht umhaut.
„Ja, ich will!“
Sprudelt es aus dir hervor mit einem Feuerwerk hinter den Augen. Ein schwarzes Loch entsteht auf dem Provinzbahnhof im Hessischen. Vergangenheit und Zeit nehmen sich an die Hand und schauen dem Moment zu. Auf Gleis 1 entsteht gerade ein neues Universum? Mein Blick ist noch immer in dir gefangen, wie könnte er sich auch entwinden, warum sollt er auch? Wir stehen still, mit Abstand und trotzdem kommen wir uns näher. Deine Augen eine neue Welt! Bist du von einem anderen Stern, hast den Anschluss verpasst und telefonierst nach Hause?
„Ja klar will ich.“
Sagst du erneut und dein Blick rutscht ins Unendliche.
„Ja, ich komme mit dem letzten Zug, … ja, dann gleich zu dir. Ich bin kaputt und muss mich fallen lassen …. Ja, in deine Arme.“
Du lächelst hoffnungsfroh, tippst auf das Display und schaust mich an.
Jetzt bemerke ich ihn erst, den kleinen Archivar, wie er verzweifelt mit einem Schild wedelt und es gerade mutlos sinken lässt:
„Sie telefoniert!“ Steht darauf. Er dreht es rum: „Trottelgesicht!“
„Ja danke, das habe ich auch bemerkt! Hast du nicht…ach, egal.“
raunze ich ihn unfair an.
„Entschuldigung, sagst du, „den Abend muss man ja auch planen.“ hebst das Handy leicht an. Ich soll verstehen.
„Wie kann ich ihnen helfen?“
„Ach, ich hatte gerade einen… etwas…gefunden…, was…äh, wo fährt den heute der Regionalexpress nach Fulda ab?“
„Auf Gleis 3, heute, ausnahmsweise. Der Nachtzug hatte Verspätung und deshalb der Gleiswechsel.“
„Danke“ sage ich mit einer etwas belegten Stimme. Ich drehe mich um und suche die Treppe zum Tunnel, zum Quergang, Treppe, Bahnsteig, Gleis.

Hanadschrift auf Papier

Teil 1 | Teil 3


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