drei Konzert – 3


Die drei Teile der „drei Konzerte“ sind nach den vielleicht dichtesten und ereignisreichsten acht Tagen entstanden, die ich erlebt habe. Nicht die Ereignisse sind so groß, dass sie alles übertreffen, ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Die Komprimierung von Gedanken und Überlegungen haben sich in den Tagen mit einer Explosion befreit, die ich so nicht kannte. Die „drei Konzerte“ sind ein Gedankenpalast, in dem ich versuche, die Erinnerungen zu bewahren. Die Konzerte sind nur Namensgeber. Ich habe alle drei in den acht Tagen allein, mit meiner Tochter oder Katrin, meiner Frau besucht. Sie sind Wegmarken im Gedankensturm. Einige Bilder in den Texten wirken vielleicht etwas unverständlich und übertrieben. Aber es ist ein Blick auf die Gedankensplitter (vielen Dank für dieses Wort) in meinem Kopf, wenn’s interessiert.

Teil 3

Lucas & Arthur Jussen live Klavier trifft Schlagzeug

Die Treppe hinunter ist so lang, wie Menschen groß sind und noch ein bisschen mehr. Die Sonne verschwindet und Neonstreifen helfen dem Blick, sich im Dunkel zu fangen. Die letzte Stufe und ein Schwenk nach rechts um die scharfe Kachelwandkurve. Die Treppe zum Bahnsteig hinauf erscheint als schmaler Spalt in der Keramikwand, zwei Züge breit entfernt. Die Fahrplankästen an den Wänden links und rechts haben ihre eigenen Stableuchten, tote Fliegen hinter Glas, darüber der Takt der Anschlüsse, Ankunft und Abfahrt. In der Mitte des queeren Ganges ist eine schmale Wasserrinne im Boden eingelassen, mit scharfen Gitterquadraten vor den Schritten geschützt. Regnet es hier im Tunnel? Kommt von irgendwo Wasser nach unten, bin ich gefangen, passiert es genau jetzt? Die Treppe zum Gleis 3 kommt näher, weil ich auf sie zu gehe. Wieder eine Kurve nach rechts, ein weißer Strich wie eine Grenze, markiert die erste Stufenkante. Ich lasse die Fliegenkadaver hinter mir und steige Schritt für Schritt dem Licht entgegen.
Dein Gesicht erscheint im Zwielicht, du redest mit mir, dein Mund geht auf und zu, auf, zu und du lächelst fragend wartend. Das Bild ist stumm, ich weiß nicht, was du sagst, ich schaue nur die Sonne an, die sich ganz real Halt in meinen Augen sucht. Die Stufen führen mich nach oben und lassen das Dunkel hinter mir.
Das Gleis 3 ist wie das Gleis 1 nur ohne Wand im Rücken. Ein frei stehender Bahnsteig ohne Rückwand. Sonst ist alles bekannt, die Pfeiler, die Rillen am Boden vor der Bahnsteigkante, die Lautsprecher. Die Lautsprecher! Aus ihnen kommt versöhnliche Klaviermusik mit vielen Noten. Zu viele für zwei Hände, es sind vier. Musik, gespielt von den Juffen Geschwistern am Samstagabend im Prinzregententheater mit Katrin. Kein stampfender Synthie-Pop, die Abwesenheit von Schenkelklopfern, einfach die Seele streichelnde Klänge. Hm, mir reichen zwei Hände und ein Klavier als Schallquelle, aber es ist ein weicher Teppich, den nehme ich gern und roll mich in ihm ein.
Meine Schuhspitzen stoßen wieder an die Kante, ankern sich fest. Vor mir das Gleis, dahinter ein weiteres. Die kleinen Tröpfchen sind verschwunden, zerstoßen oder einfach von der Sonne verstrahlt. Der blanke Stahl glänzt auf dem spitzen Schotter in seinem dunklen Bett. Ich schaue zurück, wo ich gerade stand und sehe uns. Die Zeit und die Vergangenheit stehen noch immer mit sachtem Abstand neben dir und mir. Um uns ein Strahlenglanz, ein schwarzes Loch? Ich blinzel mit den Liedern und rufe irritiert nach dem kleinen allwissenden Archivar in mir. Auch er steht das und zuckt mit den Schultern. Ich schau ihn an, er mich: Wir haben beide keine Ahnung, was passiert. Das blöde an unserer inneren Aufgabenteilung ist die Regelung, dass immer ich es bin, der zuerst die neuen Welten entdecken muss. Die Eindrücke reiche ich an ihn weiter. Das ist ja an sich spannend, aber es schwingt immer auch etwas Lampenfieber, Aufregung und Ungewissheit mit. Vor mir steht niemand, hinter dem ich mich verstecken könnte.
Über den Graben aus Stahl und Schotter schau ich wieder zu dem Schauspiel gegenüber. Du hältst meine Hand, schaust mich an. Dann kommst du näher, stellst dich spielerisch auf die Zehenspitzen und flüsterst mir samt etwas ins Ohr. Ich bin zu weit weg und kann nicht erkennen, was deine Lippen formen. Vergangenheit und Zeit ist keine Regung anzumerken, sie schauen zufrieden. Apropos, die beiden halten schon ganz schön lange die Luft an und alles rings um steht still, alles außer der Bahnsteig 1. Alle Achtung ihr beiden, das macht ihr sicher nicht so oft. „Vielen Dank.“ Sage ich, ohne nachzudenken und schau wieder zu uns. Du fällst sacht zurück auf deine Fersen, lächelst und lässt meine Hand los. Ich kann mir von hinten nicht ins Gesicht schauen, die Schultern heben sich, ich blicke dich an, denk ich, dann drehe ich mich zur Seite und gehe auf die Treppe zu. Ich kann mich nicht entscheiden, schau ich zu dir oder zu mir? Da quietscht es in der Lautsprecheranlage. Erschrocken durchzuckt es mich und eine Biene summt vor meinen Augen vorbei. Vor mir ein Schild: „Betreten der Gleise verboten, Lebensgefahr!“ Dahinter stehst du am Bahnsteig, schaust zu mit herüber, ruhig und siehst mich. Schon formt dein Gesicht neue Fragen, die noch wachsen müssen, bevor sie Antworten wollen. Zwischen uns ein Graben, eine Grenze, Lebensgefahr. So auf Abstand gehalten schauen wir uns an. Es ist, als sehe ich ein Puzzel von mir selbst, du leuchtest durch die Lücken. An deiner Seite trägst du eine Ledertasche mit Bahnhofsdingen, ich habe eine rote Kappe auf. 🙂

Handschrift auf Papier

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