Die PetshopBoys und das Rätsel der Zeit – Teil 1


Die Zeit

Die Karte zum heutigen Konzert habe ich etwa vor drei Jahren bestellt. Eine Idee, eine Laune, ein Klick. Nach einem Jahr warten kam ein Virus in die Welt, der solche Zusammenkünfte unterband. Der Virus blieb und das Konzert wurde geschoben und wieder geschoben. Irgendwann stand der 14. Mai 2022 als Termin. Das Konzert sollte stattfinden.

Der 14. Mai kam und ich sitze jetzt, es hat schon der neue Tag begonnen, in der Küche und überlege, wie die letzten Stunden begannen.

Was ist mit der Zeit passiert? Ist das noch das gleiche Konzert, wofür ich Karten gekauft hatte? Sind die Musiker noch dieselben, das Publikum? In jedem Fall ein klares Nein. Aber was hat die Absicht von damals mit dem heutigen Datum gemeinsam? Alles, was heute passieren wird, hätte lange schon Vergangenheit sein sollen. Gibt es da nicht Ärger mit der Zeit?

Neben mir ist ein Stuhl frei und ich lade die Zeit kurz ein, bevor es losgeht und sie verschwinden wird.

– Also, fragt die Zeit, was wäre vor zwei Jahren hier gewesen?

– Die handelnden Personen auf und vor der Bühne, sage ich.

– Ich bin weiter gegangen und verändere auf meinem Weg alles selbst die PetShopBoys. Sagt die Zeit.

– Aber sie machen die gleiche Musik und das Publikum mag genau diese Musik von damals.

– Richtig, sagt die Zeit, ich habe mir für den Sprung zurück etwas überlegt. Ihr nennt das Playback.

– Du meinst so was wie eine Aufzeichnung aus alten Tagen live abgespielt und als jetzt verkauft?

– Gut kombiniert. Sagt die Zeit.

– Danke, sage ich. Verstehe ich dich richtig, die Herren auf der Bühne werden nicht die PetshopBoys von damals sein, aber auch nicht von gerade jetzt, weil sie nicht singen werden? Nur eine Hülle auf der Empore?

– Ja, naja, nicht alles, aber vieles wird mir entrissen und konserviert, sagt die Zeit. Musik gehört dazu. Heute Abend werde ich oft nicht da sein. Es ist die Vergangenheit, die agiert. Was passieren wird, ist lange vergangen. Meine Spuren sind verwischt, fast nicht zu sehen.

– Wie dass? frage ich etwas überfordert.

– Der Nebel in der Halle nimmt die Details, das Playback die Zufälligkeit. Vor der Bühne werden die Betrogenen tanzen (was nicht geht, aber dazu im zweiten Teil mehr) und nicht fragen, wenn ich kurz über die Bühne laufen werde.

– Du meinst den BlackOut der PA, der nach fünfundreißig Minuten zu höre sein wird?

– Ja! Das ist natürlich Schlamperei. Wenn ich mich schon verziehen soll, dann sollte die Vergangenheit wenigstens die Illusion im Griff haben. Sagt die Zeit.

– Die Vergangenheit wird eine Loch provozieren und schon musst du wieder einspringen. Rede ich der Zeit zu.

– Das ist das Problem mit der Vergangenheit, sie funktioniert nicht im Augenblick, sondern einen Moment nach mir. Eine Konserve ist nicht live, sondern abrufbar. Im Gegensatz dazu ist das, was zu hören ist, was gerade entsteht mein Kind aus der Zukunft. Ein wirkliches Live-Erlebnis findet dadurch satt, das wir an dem Ort in dem Moment anwesend sind und aufnehmen, was passiert. Zufällig und spontan, aber mit Plan.

– Ich denke, dass ich auch etwas Schlaues sagen muss: Wir behaupten im TV, dass alles, was innerhalb von zehn Sekunden nachdem es die live Kamera aufgenommen hat, beim Zuschauer auf dem Fernseher flimmert als „live“ passiert.

– Du meinst, was du siehst, ist der Schnee der Vergangenheit? Fragt die Zeit etwas traurig.

– Genau, mehr fällt mit dazu gerade nicht ein. Sage ich.

– Verstehe ich dich richtig, dass ich nur für die Dinge verantwortlich bin, die zukünftig geschehen werden, keiner mich wirklich sieht?

– Ja, sage ich, leider scheint das so zu sein. wenn du bleibst, gibt es nur noch Stillstand. Wir kommen nicht zusammen. Alles was nach dem Moment geschieht, ist Vergangenheit, die konserviert wird oder eben einfach verloren ist.

– In eine Büchse eingeschlossen, wartend auf den Dosenöffner? Fragt die Zeit.

– Genau, triumpfiere ich, du bist die Zukunft, danach kommt nur noch Verwertung, Ablage und Aufarbeitung.

– In der Vergangenheit bleibe ich, also die Zeit, stehen?

– Schlimmer, es gibt keine Zeit in der Vergangenheit. Du kannst nur in der Zukunft existieren, ewig getrieben!

– Verdammt, wer hat sich das denn ausgedacht? Fragt irritiert die Zeit. Wann bin ich geboren? Wo gehöre ich hin? Habe ich eine Heimat?

– Keine Panik! All das ist nicht so schwer. Die Zeit begann mit der Erkenntnis des Vergangenen. Sagen wir mal großzügig: Ein Sekunde nach der Entstehung das Universums. Seitdem wirkst du in allen unzähligen Momenten an jedem Ort im Universum. Du bist an die Matrerie gebunden. Somit ist die Gegenständlichkeit deine Heimat.

Darüber muss ich kurz nachdenken, sagt die Zeit, legt ihren Kopf in meinen Schoß und schläft nach der kurzen Aufregung beruhigt ein. Sie träumt von einem schwarzen Loch, so groß wie das Universum und das daneben. Ohne diese blöde Vergangenheit, die hat da keinen Zutritt.

Der Platz neben mir wird wieder frei.

Genau in dem Moment betritt das Vergangene die Bühne, geschmückt mit schillernden Jacken und großen Hüten. Musik, konserviert auf einer SD-Karte bringt, angereichert mit viel Energie, die Lautsprecher zum schwingen und das Publikum auf die Beine…

Bühne im Nebel

das Konzert mit Bildern und einem kurzen Auftritt der Zeit ist hier zu lesen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.